Wanderlust ist Sangeslust. Der Satz mag nicht bei jedem zutreffen, vor allem, wenn es steil bergauf geht. Doch ich singe gern, nicht nur beim Wandern. So kam es denn auch, dass ich seit 2009 im ältesten Chemnitzer Männerchor mitsinge, dem 1839 gegründeten Männerchor Rottluff.

Der Zufall wollte es, dass ein großer holländischer Chor – der Christelijk Mannenkoor Prins Alexander Rotterdam – im Mai 2011 eine Chorreise nach Sachsen plante und dafür ein zentrales Quartier und einen Partnerchor suchte. Da unser Rottluffer Chor nicht nur der älteste, sondern auch der einzige verbliebene Männerchor in Chemnitz ist, wurden unsere Freunde im Internet auf unserer Homepage fündig.

Nach intensiver Vorbereitung ergab sich eine unvergessliche, gemeinsam erlebte Woche mit Auftritten unserer niederländischen Freunde auf der Felsenbühne Rathen, in der Thomaskirche Leipzig, in Augustusburg, in der Petrikirche Chemnitz, der Annenkirche Annaberg und einem gemeinsamen Konzert mit uns und dem Kinderchor der Schule Schönau in der Jakobikirche Chemnitz.

Feier unter der Burg Rabenstein

Am 30. Mai feierten wir bei traumhaf-tem Wetter bis spät in die Nacht ge-meinsam unterhalb der Burg Raben-stein den Abschied. Und wir versprachen, auf einen   Gegen-besuch nach Rotterdam zu kommen.

Das große Weihnachts-konzert wäre ein geeigneter Anlass.

Doch es passte letztlich zeitlich 2011 nicht mehr. Im Juli 2012 kam Arjan Breukhoven – Dirigent des Chores “Prins Alexander” und renommierter Organist – zu mehreren Orgelkonzerten nach Thüringen und Sachsen. Wir konnten ihn für ein gemeinsames Konzert mit ihm, dem Männerchor Rottluff und den Chemnitzer “Vocalpatrioten” in der Kirche Chemnitz-Rabenstein gewinnen. Arjan erneuerte die Einladung zum Großen Weihnachtskonzert seiner drei Männerchöre – und wir sagten zu.

300 MännerstimmenDas “Groot Mannenkoor Kerstconcert bij Kaarslicht”, das große Weihnachtskonzert von drei Männerchören mit 300 Sängern, Solo-Tenor, Orgel, Panflöte und zwei Trompeten unter der Gesamtleitung von Arjan Breukhoven, sollte am Montag, dem 17. Dezember 2012 in der Groote Kerk von Maassluis stattfinden, einer stattlichen, 1602 erbauten Backsteinkirche.

Leider nahmen nur 5 Sänger unseres Chores und zwei Ehefrauen an der 5-tägigen Reise vom 15. bis 19. Dezember 2012 teil. Die Nähe zu Weihnachten, aber auch die nicht geringen Kosten waren die Ursache.

Wir fuhren mit der Bahn, die ausnahmsweise pünktlich war – und wir hatten viel, viel Spaß bereits unterwegs. Ger de Jong, der Vorsitzende vom CMK “Prins Alexander”, und Henk Roggeveen, der “Chef-Organisator” und umtriebige Computer-Spezi, empfingen uns und brachten uns zu Blick bei Nacht auf die Erasmus-Brückeunserem Hotel im Zentrum von Rotterdam, dessen großartige Lage wir beim ersten Blick aus dem Fenster erkannten.

Der nächste Morgen war trübe vom Wetter her, aber fröhlich von der Stimmung. Ger und Henk zeigten uns das Zentrum von Rotterdam.

Denkmal - die Stadt ohne HerzOder das, wo einst das alte Rotterdam stand, das am 14. Mai 1940 von deutschen Bomben ausgelöscht wurde.

Das Denk-mal “De verwoeste Stad” erinnert daran – eine Stadt ohne Zentrum ist wie ein Mensch ohne Herz.

Doch was die Rotterdamer aus den Ruinen entstehen ließen – und noch heute entstehen lassen – das ringt allergrößten Respekt ab.

Der große Erasmus von RotterdamUnd so besuchten wir nicht nur die wieder erstandene Laurenskerk, die St. Laurentius-Kirche, mit dem davor befindlichen Denkmal des großen Erasmus von Rotterdam, sondern auch die berühmten Kubus-Häuser.

Unsere Begleiter sind aufmerksame Gastgeber und sahen, dass nicht alle so gut zu Fuß sind wie Monika und ich. So gab es denn auch ausreichend Pausen für ein wenig Ruhe, einen Espresso oder ein Bier – je nachdem, was am meisten benötigt wurde.

Dann folgte ein ganz besonderes Erlebnis – eine Hafenrundfahrt im größten Hafen Europas, der den Titel “Größter Hafen der Welt” erst Hafen Rotterdam

vor kurzem nach Südostasien abtreten musste. Eigentlich sahen wir nur ein winzig kleines Stück, denn bis ganz hinaus zur See sind es mehr als 50 Kilometer.

Treffen am AbendMit der U-Bahn kehrten wir zum Hotel zurück und hatten noch eine ruhige Stunde für uns – schließlich sind wir alle nicht mehr die Jüngsten. Denn Ger und Henk hatten uns für den Abend zum Essen eingeladen. Mit den Autos der Beiden fuhren wir in eine urige Gaststätte zu einem vorzüglichen Mahl – es wurde recht spät…

Am Montag hatten wir “frei”, erst zum Abend sollten wir uns im Ortsteil Prins Alexander zur gemeinsamen Busfahrt hinaus nach Maassluis treffen. Elmar, Manfred und Bernd besuchten Den Haag und kamen begeistert zurück. Siggi und Günter fuhren nach Delfshaven und konstatierten hernach, dass es sehr nass war.

Und Monika und ich wollten im bedeutenden Kunstmuseum “Museum Boijmans van Beuningen” die alten Meister der Malerei besuchen. Doch wir mussten feststellen, dass der Montag nicht nur in Deutschland “Reichs-Museums-Schließtag” ist, sondern offenbar auch in den Niederlanden. Doch so bewegten wir zwei uns halt nochmals zu Fuß durch die Innenstadt und vertieften die Eindrücke vom Vortag.

Das Rotterdammer U-Bahn-Netz ist beeindruckend. Noch beeindruckender ist die Bauweise – de facto liegt ja die gesamte Trasse in nassem Grund. Ja, sie sind schon Meister im Kampf gegen das Meer, die Holländer!

Sind die Kerzen angezündet...U-Bahn und Bus brachten uns am Abend nach Maassluis in die Groote Kerk. Wir waren sehr zeitig da, erlebten die letzten Proben und das Anzünden der großen, mit Kerzen bestückten Kronleuchter.

Henk lud Monika ein, mit ihm zum Fotografieren bis hinauf zur Orgelempore zu gehen. Von dort hat man einen schönen Blick auf den weiten Innenraum der Kirche.

Arjan beendete die Probe, die Blick von der Orgel-EmporeKirche hatte sich bis auf den letzten Platz gefüllt. Ausverkauft! Etwa 800 Besucher sollen es gewesen sein. Die Lichter erloschen – bis auf die Beleuchtung der Orgel. Die Kerzen gaben dem Kirchenraum eine feierliche Stimmung.

Und dann erleben wir ein wahrlich unvergessliches musikalisches Ereignis. 300 disziplinierte Sänger – Arjan hat sie “im Griff” – dazu eine brausende Orgel und wie aufgesetzte Lichter die Trompeten, die Panflöte oder der Tenor-Solist, das war einfach ergreifend! Und Arjan versteht sein Handwerk, bezieht bei 4 der 22 Programmpunkte auch die Zuhörer ein zu gemeinsamem Gesang.

Als wir hinaus treten in die Nacht und zum Bus gehen, sind wir wie benommen. Jeder hängt seinen Gedanken nach.

SS RotterdamDer nach-folgende Dienstag brachte uns noch ein weiteres Highlight. Ger, Annelies und Henk holten uns mit dem Wassertaxi ab – ein Erlebnis für sich! –  zu einer Besichtigung des größten je in Holland gebauten Linien-Fahrgastschiffes SS “Rotterdam”. Die Führungen auf dem heutigen Johan erklärtMuseumsschiff, das auch als Hotel und Veranstaltungsort dient, werden ausschließlich von ehemaligen Besatzungsmitgliedern durchgeführt. Und da hatten wir ein besonderes Glück, denn uns empfing Johan, ein Sänger des CMK “Prins Alexander” und vormals lang-jähriger Funker auf dem Schiff.

Seine Erzählungen über das Leben auf dem Schiff waren originell und voller Esprit – herzlichen Dank nochmals, Johan!

Im "Holland Amerika Lijn"Das Mittagessen vereinte uns an einem historischen Ort, dem zu einem Restaurant umfunktionierten Gebäude der “Holland Amerika Lijn”. Von hier aus fuhren einst die meisten Aussiedler nach Amerika los, wie viele Schicksale haben diese Räume gesehen.

Im WassertaxiMit dem Wassertaxi ging es in rasender Fahrt zurück zu unserem Hotel – und dann bereiteten wir uns auf das nächste Ereignis vor, das große Weihnachts-konzert vom CMK “Prins Alexander” in dessen Gemeindekirche, der Verrijzeniskerk.

Mit einem Blick auf die Uhr und dann auf den Fahrplan der direkt am Hotel abfahrenden Straßenbahnlinie erkannten Monika und ich, dass Zeit bleibt für den gestern ausgefallenen Besuch bei den alten Malern. Wenn man die großen Holländer sehen will, dann kann man das in reicher Auswahl in Dresden und in München tun. Dort hatten wir die Rembrandt, Rubens, Brueghel bestaunt. Doch hier in Rotterdam hängt ein Bild, das ich seit der Schulzeit vor Augen habe – der berühmte “Turmbau zu Babel” von Pieter Brueghel dem Älteren.

Pieter_Bruegel_the_Elder_-_The_Tower_of_Babel_(Rotterdam)_-_Google_Art_ProjectUnd nun sahen wir es vor uns – und zwar die Rotterdammer Version. Es war aber nicht nur dieses eine Bild, nein, der gesamte, wenn auch gedrängte Überblick gefiel uns außerordentlich. Gerade noch rechtzeitig zum Torschluss gingen wir – und mussten uns nun mächtig beeilen, für den Abend nicht zu spät zu kommen.

VerrijzeniskerkDas U-Bahn-Fahren beherrschten wir ja bereits. Und so war es kein Problem, rechtzeitig zum Konzert zu kommen. Die moderne Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, uns hatte man gute Plätze reserviert. Ger eröffnete den Abend und begrüßte auch uns – auf deutsch! Es war eine herzliche Atmosphäre.

Marjo van Someren - SopranUnd so genossen wir den Gesang des Männerchores “Prins Alexander” und seiner Gäste, der Sopranistin Marjo van Someren und des Gemischten Chors “Joy”, im Wechsel mit Weisen für Orgel und Klavier.

 

 

 

 

Monika hatte die Kamera bei sich – und so fingen wir Enkel-Liebeeinen allerliebsten Augenblick ein.

Als die Sänger von CMK “Prins Alexander” gerade einmal Pause hatten, rannte ein kleines Mädchen nach vorn und kuschelte sich an seinen Opa.

Henk meinte hinterher: “Naja, eigentlich darf es nicht sein, auf die Disziplin müssen wir schon achten.” Aber das Mädel wollte doch nur zu seinem lieben Opa – und nicht zur Disziplin…

Welch wunderbares Bild!

Beim Hinausgehen nach Ende des Konzerts mussten wir noch viele Hände drücken und das eine oder andere Küsschen auf eine Wange platzieren – durch Gers Erwähnung sind wir bei vielen, die 2011 mit in Chemnitz waren, wieder in Erinnerung gerufen worden.

Henk und seine Ineke hatten uns zu einem kleinen Umtrunk und einem Snack bei ihnen zuhause eingeladen. Sie wohnen nicht weit weg von der Kirche. Auch Ger und Annelies waren dabei – es wurde ein fröhlicher Ausklang, der erst mit dem Ausruf endete: “Die letzte U-Bahn fährt in einer Viertelstunde!”

Autofahrt am Morgen zum Bahnhof, eine letzte Umarmung, pünktliche Züge und am Abend gegen halb neun ein Aufatmen, als Chemnitz erreicht ist – das Alles aber ging wie Nebel an uns vorbei.

Zwei Stimmen sagen alles:

Bernd, unser Bäckermeister: “Davon werde ich noch Jahre lang zehren.”

Und Siggi: “Als es hieß: Rotterdam kurz vor Weihnachten – da war ich strikt dagegen. Doch jetzt sag ich: ein Glück, dabei gewesen zu sein!”

Habt nochmals alle vielen, vielen Dank: Arjan, Ger, Henk, Johan, Ineke, Annelies und all ihr Sänger vom Christelijk Mannenkoor “Prins Alexander”.

Auf Wiedersehen!

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